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Vom Haus mit Herz zur sorgenden Gemeinschaft


Zehn Jahre Tagespflege und bürgerschaftliches Engagement in Bad Buchau

Als im Herbst 2016 in der ehemaligen Post in Bad Buchau das „Haus mit Herz“ seine Türen öffnete, war die Idee dahinter für die damalige Zeit ungewöhnlich: Professionelle Tagespflege, bürgerschaftliches Engagement und kommunale Verantwortung sollten nicht nebeneinanderstehen, sondern miteinander wirken. Zehn Jahre später ist aus diesem Gedanken weit mehr als eine Tagespflege geworden.

Von der Idee zum „Haus mit Herz“

Initiatoren des ersten Konzepts waren der Vorsitzende der Seniorengenossenschaft Riedlingen Josef Martin und Michael Wissussek, seinerzeit Stadtrat in Bad Buchau und bereits seit vielen Jahren in der Senioren- und Demenzarbeit engagiert. Entwickelt wurde das Vorhaben in enger Kooperation mit der Altenfachhilfe des Landratsamtes Biberach und dem Kreisseniorenrat des Landkreises Biberach unter dem Vorsitz des Bürgermeister Bad Buchau a.D. Harald Müller.

Gemeinsam wurde nach einer Antwort auf eine Frage gesucht, die heute aktueller denn je ist:

 

Wie können ältere und pflegebedürftige Menschen möglichst lange zu Hause und gleichzeitig mitten in ihrer vertrauten Gemeinschaft leben?

Mit der Seniorengenossenschaft Riedlingen e. V. wurde schließlich ein Träger gefunden, der professionelle Pflege mit einem starken bürgerschaftlichen Ansatz verbinden konnte.

In Kooperation mit Bürger für Bürger Bad Buchau und unter Beteiligung der Stadt Bad Buchau entstand in der ehemaligen Post das „Haus mit Herz“. Bereits die ursprüngliche Konzeption sah ausdrücklich vor, Bürgerinnen und Bürger aus Bad Buchau und der Federseeregion aktiv einzubeziehen und für ihre Aufgaben zu qualifizieren.

Dabei konnte auf Erfahrungen zurückgegriffen werden, die bis ins Jahr 2004 zurückreichten. Eine bereits bestehende Betreuungsgruppe im Café Hofmann für Bad Buchau und die Federseegemeinden wurde in das neue Angebot integriert.

Der Fahrdienst war vom ersten Tag an Bürgeraufgabe

Wie ernst der bürgerschaftliche Gedanke gemeint war, zeigte sich bereits am ersten Öffnungstag.

Bürger für Bürger Bad Buchau übernahm von Beginn an den bürgerschaftlichen Fahrdienst für das Haus mit Herz. Ehrenamtliche Fahrerinnen und Fahrer sorgten dafür, dass auch Menschen aus Bad Buchau und den umliegenden Gemeinden die Tagespflege erreichen konnten, wenn Angehörige den Transport nicht selbst übernehmen konnten.

Damit wurde der Fahrdienst zu weit mehr als einer logistischen Dienstleistung. Er war eines der ersten sichtbaren Beispiele dafür, wie professionelle Pflege und ehrenamtliches Engagement ineinandergreifen können.

„Uns war damals wichtig, nicht einfach eine Pflegeeinrichtung zu eröffnen“, erinnert sich Wissussek. „Wir wollten professionelle Pflege mit der Bürgerschaft verbinden. Menschen sollten auch bei Pflegebedürftigkeit oder Demenz Teil unserer Stadt und unserer Gemeinschaft bleiben.“

Der Grundsatz „ambulant vor stationär“ bestimmte das Konzept. Tagespflege sollte Angehörige entlasten und gleichzeitig dazu beitragen, dass ältere Menschen möglichst lange in ihrem eigenen Zuhause leben können. Aktivierung, soziale Kontakte und die Förderung vorhandener Fähigkeiten gehörten deshalb von Anfang an ebenso dazu wie Betreuung und Pflege.

Sozialminister Lucha kommt zur Einweihung

Schon die offizielle Einweihung machte deutlich, dass das Bad Buchauer Projekt auch über die Region hinaus Aufmerksamkeit gefunden hatte.

Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha kam persönlich nach Bad Buchau, um das neue Haus kennenzulernen und an der Einweihung teilzunehmen.

Für die Beteiligten war der Ministerbesuch Bestätigung und Ansporn zugleich. Denn das Haus mit Herz sollte von Beginn an nicht nur eine neue Einrichtung, sondern Teil einer weitergehenden Quartiersentwicklung sein.

Der nächste bedeutende Schritt folgte bereits 2017.

Vom Haus mit Herz zum ausgezeichneten Quartiersprojekt

Rund um das Haus entwickelte sich das bürgerschaftliche Netzwerk weiter. Aus Bürger für Bürger entstand eine zunehmend eigenständige Struktur der gegenseitigen Unterstützung. Gleichzeitig wurde im Oktober 2017 das BürgerCafé unter der Leitung von Irmgard Wissussek und Günter Büchele, als bis heute wichtiger Beratungs- und Begegnungsort eröffnet.

Hier sollten sich Menschen treffen können – unabhängig von Alter, Hilfebedarf oder Pflegegrad. Information, Beratung, Begegnung und gegenseitige Hilfe bekamen damit einen Platz mitten in Bad Buchau.

Noch im selben Jahr erhielt diese Entwicklung landesweite Anerkennung: Beim Wettbewerb „Quartier 2020 – Gemeinsam.Gestalten.“ des Landes Baden-Württemberg wurde die Bad Buchauer Initiative ausgezeichnet.

Damit schloss sich ein erster Kreis: Aus der gemeinsamen Idee einer Tagespflege war innerhalb kurzer Zeit ein Ansatz entstanden, der professionelle Pflege, kommunales Handeln und bürgerschaftliche Verantwortung miteinander verband.

Nicht hinter Türen, sondern mitten im Leben

Diese Haltung prägt das Haus mit Herz bis heute.

Der Alltag besteht deshalb nicht nur aus Pflege und Betreuung. Gemeinsames Frühstück und Mittagessen, Singen, Gedächtnistraining und Bewegung gehören ebenso dazu wie Marktbesuche, Ausflüge und Begegnungen mit Vereinen, Schulen und Kindergärten.

Auch die großen Veranstaltungen wurden im Laufe der Jahre zu einem Markenzeichen des Hauses: Tanz in den Mai, Oktoberfest und Fasnet bringen Tagesgäste, Angehörige, Bürger, Menschen mit und ohne Behinderung und Menschen mit Demenz zusammen.

„Teilhabe heißt für uns nicht, für ältere Menschen hinter verschlossenen Türen eine eigene kleine Welt zu schaffen“, sagt Wissussek. „Sie sollen dort sein, wo das Leben stattfindet.“

Gerade Menschen mit Demenz sollen deshalb nicht in erster Linie über ihre Defizite wahrgenommen werden. Biografie, vorhandene Fähigkeiten, Emotionen, Beziehungen, Bewegung und gesellschaftliche Teilhabe bestimmen den Ansatz.

Aus der alten Post in das ehemalige Marienheim

Auch räumlich entwickelte sich das Haus weiter. Aus der ehemaligen Post führte der Weg schließlich in das frühere Marienheim in der Schmidgasse.

Die räumlichen Möglichkeiten wurden größer – die Grundidee blieb dieselbe: ein Ort zu sein, an dem ältere und hilfebedürftige Menschen nicht lediglich versorgt werden, sondern Gemeinschaft erleben.

Heute bietet das Haus mit Herz Tagespflege, Betreuung, Aktivierung und Entlastung für Angehörige. Der Fahrdienst ist dabei nach wie vor ein wichtiger Bestandteil des Angebots.

Christine Bechter und Simone Rädle leiten heute das Haus

Dass aus einer Idee eine zehnjährige Erfolgsgeschichte werden konnte, ist vor allem den Menschen zu verdanken, die sie im Alltag tragen.

Heute wird das Haus mit Herz von Christine Bechter und Simone Rädle geleitet. Gemeinsam mit ihrem Team haben sie die Einrichtung in den vergangenen Jahren fachlich und konzeptionell weiterentwickelt und gleichzeitig ihren familiären Charakter bewahrt.

Eine jüngere Weiterentwicklung ist die Auszeichung zur "Bewegten Tagespflege". Das Präventionsprogramm integriert Bewegung und Mobilitätsförderung systematisch in den Tagesablauf. Ende 2025 wurde das Haus mit Herz von der IKK classic entsprechend ausgezeichnet.

Ziel bleibt auch dabei das, was bereits 2016 formuliert wurde: Fähigkeiten erhalten, Selbstständigkeit fördern und Menschen möglichst lange ein Leben in ihrem vertrauten Zuhause ermöglichen.

Zehn Jahre mit vielen Herausforderungen

Die vergangenen zehn Jahre waren keineswegs nur von Wachstum und Erfolgen geprägt.

Corona stellte die Tagespflege vor enorme Herausforderungen. Fachkräftemangel, steigende Kosten und zunehmende bürokratische Anforderungen beschäftigen Pflegeeinrichtungen heute stärker denn je. Gleichzeitig nimmt die Zahl älterer Menschen und insbesondere der Menschen mit Demenz weiter zu.

Umso wichtiger sei die Erkenntnis aus zehn Jahren Haus mit Herz, sagt Wissussek: Pflege könne auf Dauer nicht allein Aufgabe professioneller Einrichtungen sein.

Die Erfahrungen der Seniorengenossenschaft zeigen, deren Geschäftsführer heute Michael Wissussek ist, welche Bedeutung das Ehrenamt dabei haben kann. Mehrere tausend ehrenamtliche Stunden jährlich ermöglichen in ihren verschiedenen Angeboten Fahrdienste, Alltags- und Besuchsbegleitung, Bewegungsangebote und gesellschaftliche Teilhabe im Hautsitz Riedlingen und Bad Buchau.

„Ein Haus bekommt sein Herz durch die Menschen“

Beim zehnjährigen Jubiläum soll deshalb nicht nur auf Gebäude, Konzepte und Auszeichnungen zurückgeblickt werden.

Der Dank gilt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den vielen ehrenamtlich Engagierten, den Fahrerinnen und Fahrern, Angehörigen und Kooperationspartnern, der Stadt Bad Buchau, dem Landkreis und Kreisseniorenrat, den Vereinen und Institutionen der Stadt – und vor allem den vielen Tagesgästen, die das Haus in diesen zehn Jahren geprägt haben.

Auch der Vorsitzende Josef Martin, mit dem die ersten Ideen entwickelt und auf den Weg gebracht wurden, gehört für Wissussek untrennbar zu dieser Geschichte.

„Ein Haus bekommt sein Herz nicht durch ein Schild an der Tür“, sagt Wissussek. „Zum Haus mit Herz wurde es durch die Menschen, die dieses Herz seit zehn Jahren jeden Tag mit Leben füllen.“

So ist das Jubiläum weniger ein Schlusspunkt als eine Zwischenbilanz.

Was 2016 mit Josef Martin und Michael Wissussek, der Seniorengenossenschaft, Bürger für Bürger, der Stadt Bad Buchau sowie starken Partnern aus Landkreis und Kreisseniorenrat begann, ist heute ein Beispiel dafür, was entstehen kann, wenn professionelle Pflege und eine engagierte Bürgerschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen.

 

Foto: Christian Bergst

Unsere Hotline: 0171-2734607

 

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